Gedanken zur Jahreslosung 2021

„Seid barmherzig, wie auch Euer Vater barmherzig ist.“ Lukas 6, 36

Barmherzigkeit – sagt Martin Luther – heißt, mit seinem Herzen bei den Armen zu sein.

Ein Wort, das einen zum Nachdenken bringt, weil es vielschichtig und tiefgründig ist

und das andererseits Bilder wie das vom barmherzigen Samariter in uns auslöst.

Barmherzigkeit beschreibt eine Liebe, die über das Mitgefühl mit dem Elend

anderer Menschen hinausgeht. Barmherzig-Sein kann nicht anders als handeln.

Barmherzigkeit kann man schwer beschreiben. Barmherzig-Sein kann man nur leben.

In tausend Varianten, weil es Kummer, Elend und Armut in unzähligen Facetten gibt.

Hier bei uns. Überall auf dem Erdkreis. Versteckt hinter strahlenden Fassaden,

verschämtem Schweigen und eintrainiertem Lächeln.

Wir sehen es nicht oder schauen bewusst weg.

Verletzte Herzen und Seelen wird nur finden,

wer mit den Augen Gottes zu sehen beginnt und wer sich ermutigen lässt,

Türen sanft zu öffnen, damit frische Luft hereinströmt.

Die Geschichte einer jungen Ordensfrau der „Kleinen Schwestern Jesu“

in der Jerusalemer Altstadt erzählt von einer Tür, die sich geöffnet hat:

die Ordensschwester wurde eines Tages zu einer alten Muslima gerufen.

Die Frauen kannten sich vom Sehen – gerade genug, um zu wissen:

Die jeweils andere glaubt anders, lebt anders und scheint einer völlig anderen Welt

zu entstammen. Und doch bat die alte Muslima sie zu kommen.

Die Ordensschwester macht sich auf den Weg. Ihr klopft das Herz,

als sie vor der grün gestrichenen Holztür steht, deren Farbe abblättert

– ein Zeichen, dass niemand im Haus sich mehr kümmert.

Kurz kommt ihr der Gedanke: „Das könnte ein Hinterhalt sein.“

Dann fasst sie Mut und öffnet vorsichtig die Tür. Ein muffiger Geruch

schlägt ihr entgegen. Nimmt ihr für einen Augenblick den Atem.

Dann sieht sie die alte Frau auf ihrer fleckigen Matratze liegen.

Die „Kleine Schwester Jesu“ trat an die ranzige Schlafmatte der alten Muslima

und setzte sich zu ihr auf den Boden. Da lag die Frau – in einem erbärmlichen Zustand.

Niemand war mehr da, der sich um sie kümmerte. Ihre Stunden waren gezählt.

Die „Kleine Schwester Jesu“ sagte nichts, nahm nur die Hand der Frau und hielt sie.

Stundenlang. Bevor sie starb, flüsterte die alte Muslima ihr zu: „Was heute zwischen

dir und mir war – das versteht nur Gott.“

Gott ist reich an Barmherzigkeit und so lässt er uns auch an seinem Reichtum teilhaben,

wenn uns selbst die Kraft ausgeht, wenn wir in Trauer und Mutlosigkeit versinken.

Er nimmt uns an und spricht uns frei von unserer Schuld. Wir können auf seine Barmherzigkeit vertrauen.

Barmherzigkeit leben können wir von Jesus lernen. Die Jahreslosung fordert uns dazu auf.

Barmherzigkeit soll unser Wegbegleiter sein. Wir können unsere Herzen öffnen

und Hände hinhalten, unsere Augen öffnen und Mut zum Handeln fassen.

Wir können Zeit verschenken und Menschen helfen, Schweres zu tragen,

wir können Vergebung üben.

Das Geheimnis von Barmherzigkeit: sie bekämpft nicht nur Not,

sie macht uns selbst barmherziger.

Jesus war entschlossen, eine Lawine der Barmherzigkeit loszutreten.

Und er wünscht, dass wir Teil dieser Lawine sind.

Lassen wir uns mitreißen!?

Ihre Kirchengemeinderätin

Annette Thier