Relevanzkorridor

Kennen Sie die Kongruitätstheorie von Osgood und Tannenbaum? Nein? Ich auch nicht. Aber ich war ganz nahe dran. Als ich neulich einen anderen Begriff bei Wikipedia gesucht habe, diesem inzwischen beinahe allgegenwärtigen Internet-Nachschlagewerk, bin ich auf einen Hinweis-Link gestoßen, der ins Leere führte. So was! Im Kleingedruckten fand ich dann die Aufforderung, ich solle doch etwas zur Kongruitätstheorie schreiben, weil es vor mir noch niemand gemacht hat. Einzige Anforderung: Der Artikel müsse ein Mindestniveau erfüllen, enzyklopädische Relevanz besitzen und durch Quellen belegt sein.

Wow, die trauen mir aber was zu, war mein erster Gedanke. Und wenn ich in meinem Beruf mehr Zeit übrig hätte, wer weiß, was mir an diesem Abend bei einem Gläschen Wein, netter Musik und guter Laune alles eingefallen wäre.

An sich ist das ganz schön leichtsinnig, das Wissen der gesamten Menschheit auf solche Weise zusammenzutragen - mit nicht mehr als diesen drei ausformulierten Anforderungen und der Hoffnung, dass Quatsch-Auswüchse und nicht belegbare, leere Behauptungen schon irgendwann auffallen und gelöscht werden. Was ist, wenn künftig jede veröffentlicht, was ihr in den Sinn kommt, und jeder seinen Senf dazu gibt, ob er die Sache verstanden hat oder nicht? Was für eine Art Enzyklopädie (griech. = umfassende Bildung) kommt dann dabei heraus? Reicht uns ein „Hauptsache ist, dass möglichst Viele mitmachen, bei diesem ehrgeizigen Projekt" und ein „Es lebe die Buntheit und Vielfalt der Informationen"? - Wer denkt lang nach über die Zuverlässigkeit der Recherche und die Qualität der zu Rate gezogenen Quelle, wenn's mal wieder schnell gehen muss fürs Referat oder was auch immer? Für den „Hausgebrauch" und die Lösung beim Kreuzworträtsel reicht's ja allemal, was ich da erfahre. Kümmert's da jemanden, dass da zum Teil Dinge beschrieben werden, die es in Wahrheit gar nicht gibt oder je gegeben hat?

Was ist wahr? Und was ist relevant? Ich glaube, dass uns diese beiden Fragen in Zukunft mehr und mehr beschäftigen werden. Weil wir modernen Menschen mit Informationen geradezu „überfüttert" werden, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als einen sogenannten „Relevanzkorridor" festzulegen, sagen uns die Soziologen. Und die müssen es ja wissen. Schon Grundschulkinder haben das drauf. Manche nehmen nur noch das wahr, was ihnen was bringt, im hier und jetzt, alles andere blenden sie aus. Aus Selbstschutz-Gründen, weil die Festplatte bereits übervoll ist. Schade, dass heute Viele die Fragen nach dem Woher und dem Wohin ihres Lebens gar nicht mehr zulassen, weil sie mit den Anforderungen der Gegenwart überfordert oder ausgelastet sind.

Weniger ist oft mehr, wusste man früher noch und hat sich zweimal im Jahr eine Fastenzeit verordnet. Wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich: Was sollte ich dieses Jahr, diesen Monat oder diese Woche einfach mal weglegen?
Ich wünsche Ihnen - und mir - Zeit und freie Kapazität für Wohltuendes - und dass wir uns den wirklich relevanten Dingen des Lebens zuwenden.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Pfarrer Siegbert Ammann

 


 

 

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